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Interview: Kulturelle Aneignung und Kosmetik

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Schon länger schleppe ich ein Herzensthema mit mir herum, was ich heute mit Hilfe von Myriam endlich besprechen möchte. Make Up ist für viele PoC (People of Color) ganz schwierig zu finden. Das wurde mir spätestens klar, als ich damals das erste Mal bewusst die Farben der Drogerie-Produkte verglich und dort ausschließlich etwas für Weiße fand. Soll es dann auch noch vegan und tierversuchsfrei sein, bleibt die Suche beinahe erfolglos. Natürlich konnte ich trotzdem einiges zusammen tragen, wenn auch fernab der Drogerie, aber bevor wir dazu kommen, möchte ich euch das Gespräch mit Myriam nicht vorenthalten. <3

Liebe Myriam, ich freue mich, dass du heute ein Teil von kosmetik-vegan.de bist und ich ein paar Fragen an dich richten darf. Bevor wir beginnen: Welcher Song sollte die Leser*innen durch unser Interview begleiten?

„Fuego“ von Bomba Estéreo 🙂

“Fuego” reißt mich direkt mit. Vielen Dank! Bitte stelle dich doch kurz unseren Leser*innen vor. Wer bist du und was macht dich aus?

Ich bin Myriam Margarita, eine Kolumbianerin afrokaribischer Herkunft und lebe seit vierzehn Jahren in Deutschland. Ich ändere mein Leben jeden Tag ein Stückchen, ich krempel alles immer wieder um, zweifele alles an und werfe meine festen Überzeugungen und Meinungen gerne über den Haufen: Immer intellektuell in Bewegung bleiben!

Du lebst ja vegan. Wie bist du zum Veganismus gekommen und was treibt dich an?

Ich ernähre mich seit November 2013 reinpflanzlich bzw. tierleidfrei. Ich habe es irgendwann nicht mehr geschafft, vor meiner kleinen Tochter zu erklären/rechtfertigen, was der Unterschied zwischen ihr und einem Tier ist und warum wir mit manchen Tiere schmusen aber andere essen. Von da an recherchierte ich sehr intensiv. All die Zusammenhänge zwischen Nahrung, Gewalt, Armut und Umweltproblemen… für mich war es selbstverständlich, dass ich meiner Tochter auf jeden Fall eine friedlichere Kindheit als meine ermöglichen wollte.

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Wenn du deine eigene Kosmetik-Kollektion kreieren könntest, was würde sie unbedingt beinhalten und was wäre die Message?

Ich wäre sehr dafür, dass ausschließlich lebensmittelechte, natürliche und tierleidfreie Substanzen in dieser Kosmetik enthalten wären. Ansonsten wäre mir sehr wichtig, dass es ein sehr großes Spektrum an Hautpflegeprodukten hätte: Für mich persönlich steht es an erste Stelle, eine reine, saubere, ebenmäßige Haut zu haben, bevor ich Make up auftrage. Ich lege darüber hinaus sehr viel wert auf sanfte, hochwertige Augenkosmetik die 100% nicht allergieauslösend ist. Ich liebe Kajal und Lidschatten, aber auch Lippenstifte und Rouge und und und! 😀

In den Drogerien finden sich regelmäßig limitierte Kollektionen, die Titel wie “African Queen”, “Ethnic Touch” oder “African Soul” tragen. Trotz der Namen sind die enthaltenden Produkte aber auf die westliche weiße Frau abgestimmt und auch auf den Aufstellern finden sich weiße Models, denen zum Beispiel eine Lockenperücke aufgesetzt wurde. Wie fühlst du dich damit, wenn du solche Produkte siehst und wie gehst du generell damit um, dass es besonders in der Drogerie kaum Make Up-Produkte für PoC gibt?

Ich lächle müde. Das Problem kenne ich und die Frauen meiner Familie nur zu gut: Sogar in Kolumbien, an der Karibik, war es schon immer schwierig, das passende Make up zu finden. All die Kosmetikmarken die bei uns verkauft werden, haben nichts mit unseren Bedürfnissen zu tun. Die Werbung ist voller weißer, schlanker Frauen. Helläugig und mit langen, glattem Haar. Das was die westliche Welt als DAS Schönheitsideal auserkoren hat. Also wundere ich mich überhaupt nicht darüber, dass es hier in Europa, noch weniger Möglichkeiten für uns gibt. Was all diese Kollektionen wie „African Queen“ usw. Betrifft, ist es für mich offensichtlich, dass da nur bestimmte Aspekte der schwarzen Kultur heraus gepickt wurden, um gewisse Traumvorstellungen und nostalgische Projektionen der weißen Durchschnittsfrau zu befriedigen. Das nennt sich, wenn ich mich nicht irre, „Exotizierung“. Da werden so viele Kulturen und Länder in den Begriff „Afrika“ zusammen geworfen… als ob es nicht ein Kontinent voller unterschiedlicher Nationen, Traditionen, Herkünfte und ästhetischen Maßstäbe wäre.

Über kulturelle Aneignung mache ich mir – zugegeben – erst seit einer Weile Gedanken. Was denkst du, wenn du auf der Straße weiße Menschen mit Symboliken, wie etwa Dreadlocks, siehst?

Ich persönlich störe mich kaum daran. Ich merke schlicht und einfach nicht, was genau die Menschen auf ihren Köpfen oder um ihren Körper tragen. 🙂 Vor Allem hier in Berlin gibt es so viel Verrücktes, dass ich einfach kein Gespür mehr dafür habe – leider. Was mir am meisten Sorgen, oder besser gesagt Schmerzen bereitet, ist die Art Kulturelle Aneignung die im Bezug auf Bildung, Kunst und Philosophie läuft. Zum Beispiel all die Yoga-Akademien, Tangoschulen, Trommelwerkstätten, Tai Chi und Zen-Zentren und sonstige Institutionen, wo fast ausschließlich weiße Menschen mit Lehren und  Konzepten arbeiten, die eigentlich aus anderen Kulturkreisen stammen. Sehr oft ist es so, dass Schwarze und People of Color, nicht so einfach so ein Institut oder Laden eröffnen können, um deren traditionelles Wissen zu vermitteln. Umso schmerzvoller ist es dann, wenn man sieht wie gewisse Zentren, sehr viel Geld damit verdienen, mit etwas was aus der eigenen Kultur herausgerissen worden ist.

Diesen Aspekt habe ich bisher nicht gesehen, vielen Dank! Jetzt ist der Moment für deine Botschaft an alle Leser*innen oder für irgendetwas was du schon immer mal los werden wolltest.

Alles hinterfragen, alles erforschen, alles näher betrachten. Immer neugierig nach vorne und in Bewegung sein!

Ich danke dir wirklich sehr für deine tollen offenen Worte und wünsche dir und deiner Tochter alles erdenklich Gute! Jetzt muss ich aber unbedingt noch weiter Bomba Estéreo lauschen. 😀

In einer Woche lesen wir uns spätestens wieder, wenn ich die veganen und tierversuchsfreien Foundation-, Puder- und Concealer-Tipps für dunkle Haut mit euch teile.

¡Y grita fuego!
Mantenlo prendido ¡fueeego!
No lo dejes apagar