Blutsbande: Was bedeuten die Paragrafen 218 und 219a für uns? (Interview zum Thema Schwangerschaftsabbruch)

in

Die SPD wollte den frauenfeindlichen Paragrafen 219a, der das Werben für Schwangerschaftsabbrüche verbietet, eigentlich streichen. Im Sinne ihrer Koalitionspartnerinnen CDU und CSU ließen sie kürzlich ihren Antrag jedoch fallen.
Was der Paragraf in der Praxis für Frauen, ÄrztInnen und BeraterInnen bedeutet, könnt ihr in meinem Interview mit Anna (Name aus Datenschutzgründen geändert) erfahren. Anna arbeitet in der Frauenhilfe und berät dort unter anderem Frauen, die über einen Schwangerschaftsabbruch nachdenken.

Auf diesem Blog ist es Tradition, dass ich InterviewpartnerInnen zuerst nach einem Song frage, den ihr beim lesen anhören könnt, wenn ihr möchtet. Anna hat sich für den Song “Agoraphobia” von Incubus (YouTube-Link) entschieden, der 2005 auf dem Album “A Crow Left Of The Murder” erschien.

Hallo Anna. Danke, dass du dich zu einem Interview bereit erklärt hast. Du arbeitest in der Frauenhilfe und hast dadurch immer wieder mit Frauen zu tun, die ungewollt schwanger sind. Weshalb ist der Paragraf 219a so hinderlich für deine Arbeit und auch der von ÄrztInnen?

Anna: Für Schwangere, die über einen Abbruch nachdenken, ist die Möglichkeit sich umfassend zu informieren und schnell Hilfe zu bekommen essentiell wichtig. Sei es in Beratungsstellen oder in der Arztpraxis selber. §219a verbietet jedoch, dass Arztpraxen den Schwangeren die notwendigen Informationen anbieten, weil dies laut Gesetz als Werbung ausgelegt wird – eine Definition, die ich sehr schwierig finde. Ganz bestimmt gibt es so gut wie keine Schwangere, die sich alleine aufgrund eines freien Zugriffs auf Informationen über Schwangerschaftsabbrüche für einen solchen entscheiden würde – ihr Kind ohne diese „Werbung“ jedoch sehr gerne bekommen hätte. So wird es momentan leider von einigen Menschen dargestellt und das finde ich äußerst problematisch. Diese Einstellung spricht Frauen die Fähigkeit ab, diese Entscheidung für sich selber treffen zu können.

Würde der §219a abgeschafft, würde das bedeuten, dass sich Schwangere einfach und schnell darüber informieren könnten, wo in ihrer Region eine Praxis zu finden ist, die Abbrüche durchführt. Der schnelle Zugriff zu Informationen kann diesbezüglich entscheidend sein, da der Abbruch nur bis zur 12. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden darf – wenn man bedenkt, dass es gerade bei ungeplanten Schwangerschaften häufig ein wenig dauert, bis die Schwangerschaft bemerkt wird, da die Schwangerschaft eben nicht erwartet wurde, ist das gar nicht so viel Zeit. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Schwangere sich in vielen Fällen erst mal selber darüber klar werden muss, ob sie das Kind bekommen möchte oder nicht und auch dafür ein bisschen Zeit braucht, wird die ganze Sache noch knapper. Dann muss sie innerhalb der Frist noch zu einer Beratungsstelle, die auch einen Beratungsschein ausstellt (das machen ebenfalls nicht alle Schwangerschaftsberatungsstellen) und damit kann sie dann erst zu einer Praxis bzw. Klinik, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Außerdem müssen zwischen der gesetzlich vorgeschriebenen Schwangerschaftskonfliktberatung und dem Abbruch mindestens 3 volle Kalendertage liegen.

All diese Auflagen und Pflichten und die Tatsache, dass es gerade in ländlichen Gegenden, ohne gute Infrastruktur durchaus bedeuten kann, dass eine Schwangere für den Abbruch 100km oder mehr fahren muss, um zu einer Praxis zu kommen, die Abbrüche durchführt, machen es den Schwangeren sehr schwer. Und dazu kommt dann noch, dass all das in einer Phase passiert, in der es Schwangeren durch hormonelle Veränderungen sowieso oft körperlich und psychisch schlecht geht, ihnen oft übel ist usw.

Ich bin mir sicher, dass schon etliche Versuche, einen Schwangerschaftsabbruch noch in der gesetzlichen Frist durchzuziehen an diesen ganzen Auflagen gescheitert sind – und ich persönlich denke, dass das durchaus gewollt ist und es eigentlich viel mehr darum geht, Frauen im selbstbestimmten Umgang mit ihrem Körper einzuschränken, als sicherzustellen, dass sie sich das auch wirklich gut überlegt hat.

Aus welchen Gründen denken Frauen über einen Schwangerschaftsabbruch nach?

Anna: Die Gründe dafür sind wohl so verschieden wie die Schwangeren selber. Das fängt da an, wo eine Schwangere vielleicht einfach keine Kinder haben möchte oder zumindest in ihrer derzeitigen Lebenssituation (noch) nicht. Aber auch berufliche oder finanzielle Gründe spielen oft eine Rolle, wenn die Schwangere z.B. gerade eine neue Stelle oder Ausbildung angefangen hat und noch in der Probezeit ist und den Job nicht verlieren möchte. Auch persönliche Probleme wie eine strenge, religiöse Familie oder ein (Ex)Partner, der sie nicht unterstützt und von dem Kind nichts wissen will, kommen vor. Auch gibt es Frauen, die sich aufgrund einer psychischen oder körperlichen Erkrankung nicht in der Lage sehen, eine Schwangerschaft und/oder das Aufziehen eines Kindes durchzustehen oder bei denen deswegen sogar eine Risikoschwangerschaft vorliegt. Und natürlich gibt es leider auch immer wieder Schwangerschaften aufgrund von sexualisierter Gewalt.

Was auch immer der Grund ist – ich persönlich bin der Meinung, dass das niemanden außer die Schwangere selber etwas angeht. Es ist richtig und wichtig, dass es Informations- und Beratungsangebote wie Schwangerschaftsberatungsstellen gibt, die Schwangere nutzen können, wenn sie es möchten. Aber das sollte eine Option und keine Pflicht sein und keinesfalls sollte dies irgendwie mit einem moralischen Zeigefinger verbunden sein. Niemand hat darüber zu urteilen, ob sich jemand für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet.

Schwangerschaft-Schwangerschaftsabbruch-schwanger-Frauenhilfe-Abtreibung-219-218a-Interview

Welche Anlaufstellen und Möglichkeiten haben Frauen, die ungewollt schwanger sind und sich über einen Schwangerschaftsabbruch informieren möchten?

Anna: Schwangerschaftsberatungsstellen gibt es in fast jeder Stadt und von vielen verschiedenen Trägern – diese sind oft kirchlich, aber es gibt auch konfessionslose wie ProFamilia. Dort können Schwangere sich kostenlos beraten lassen, die Beratungsstellen sind verpflichtet, alles vertraulich zu behandeln. Für viele Schwangere ist es zunächst vielleicht eine sehr große Hürde, mit einer Person über ihre Sorgen zu sprechen, die direkt vor ihr sitzt. In diesem Fall gibt es auch einige informative Webseiten wie beispielsweise Familienplanung.de, auf denen man sich erstmal ein wenig in das Thema einlesen kann.
Außerdem gibt es das Hilfetelefon „Schwangere in Not“, wo Schwangere ebenfalls eine erste, allgemeine Beratung bekommen können, auch per E-Mail oder Chat.

Ähnlich wie schon in Diskussionen über “die Pille danach”, fürchten GegnerInnen zum Beispiel, dass Schwangerschaftsabbrüche als Ersatz für Verhütung genutzt werden könnten. Mit welchen Aussagen von GegnerInnen siehst du dich konfrontiert? Was spricht gegen einen Schwangerschaftsabbruch?

Anna: Ich persönlich habe in meiner täglichen Arbeit zum Glück wenig direkten Kontakt mit GegnerInnen von Schwangerschaftsabbrüchen, ich kann mir aber gut vorstellen, wie belastend es sein muss, ständig von solchen Menschen belästigt zu werden, wenn man einfach nur seine Arbeit machen und den Schwangeren helfen möchte. Das Argument, dass Schwangerschaftsabbrüche als Ersatz für andere Verhütungsmittel genutzt werden könnte, finde ich unhaltbar. Das wurde auch bei der Pille danach schon gebracht, als diese noch nicht rezeptfrei erhältlich war. Ich finde, es suggeriert, Frauen seien entweder zu dumm oder zu faul um richtig zu verhüten oder als wären Schwangerschaftsabbrüche etwas, was man mal eben so nach der Arbeit schnell erledigt, weil man keine Lust auf Kondome hatte. Ich würde behaupten, den allermeisten fällt ein Schwangerschaftsabbruch nicht leicht. Viele tun sich mit dieser Entscheidung sehr schwer, was noch durch die Schuldgefühle, die ihnen die Gesellschaft vermittelt, verstärkt wird. Ein Schwangerschaftsabbruch ist zudem auch aus medizinischer Sicht sicherlich kein angenehmer Spaziergang. Zudem übernehmen die Krankenkassen die doch recht hohen Kosten dafür in vielen Fällen nicht oder man muss dies erst langwierig beantragen.

Ich finde all das zeigt doch mehr als eindeutig, dass sicherlich fast niemand aus Faulheit einen Schwangerschaftsabbruch in Kauf nehmen würde. Für manche Frauen sind Schwangerschaftsabbrüche an einem Punkt in ihrem Leben notwendig und dann ist es gut und wichtig, dass gute medizinische Versorgung und gute Information angeboten werden. Daher spricht aus meiner Sicht auch einfach kein vernünftiges Argument gegen Schwangerschaftsabbrüche. Trotzdem wird das sicherlich für keine Frau jemals ein schönes Erlebnis sein, auf dass sie es anlegt. Es geht nicht darum, Schwangerschaftsabbrüche als ein spaßiges Event zu verkaufen, sondern darum, die Schwangere gut zu versorgen und sie nicht durch schlimme Erfahrungen zu traumatisieren. Wie man diesen Unterschied nicht verstehen kann, werde ich nie begreifen.

Laut Paragraf 218 StGB ist das Abbrechen einer Schwangerschaft in Deutschland illegal. [sic!] Wie du vorhin schon erwähntest, gilt ein Tatbestand nicht, wenn die Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen her ist, die Betroffene mindestens drei Tage vor dem Abbruch bei einer Schwangerschaftskonfliktberatung war und eine dem entsprechende Bescheinigung vorliegt. Was bedeutet dieses absolut veraltete Gesetz für Frauen im Bezug auf ihre Selbstbestimmung?

Anna: All diese Vorschriften sind ein riesiger, demütigender Eingriff in die Selbstbestimmung der Frau und können im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Schwangere keinen Abbruch mehr durchführen lassen kann, weil die Fristen aufgrund von Unterversorgung durch das Gesundheitssystem nicht einzuhalten sind und die Schwangerschaft dann doch ausgetragen werden muss, obwohl das für die Frau vielleicht die Hölle bedeutet. Ganz schlimm finde ich auch, dass einige Frauen durch diese Gesetzeslage mehr oder weniger dazu gezwungen werden, das Kind zu bekommen, sich die Gesellschaft bzw. die Politik ab dem Zeitpunkt der Geburt dann aber nicht mehr für das Kind interessiert. Die finanziellen Sorgen, fehlende Kita Plätze usw. soll die vielleicht sogar alleinerziehende Mutter dann doch bitte selber regeln – hätte sie halt mal aufgepasst und wäre nicht schwanger geworden – so läuft es ja leider tatsächlich ab und diese geheuchelte Sorge um das Wohl des Kindes kann ich absolut nicht ernst nehmen.

Die Allgemeinmedizinerin Kristina Hänel veröffentlichte auf ihrer Praxis-Webseite, dass sie über Schwangerschaftsabbrüche informiere und musste deshalb eine Geldstrafe in Höhe von 6.000 Euro begleichen. Sie wurde von GegnerInnen dieser Eingriffe angezeigt. Leider ist Frau Hänel kein Einzelfall und auf Webseiten von GegnerInnen kursieren Listen mit ÄrztInnen, die offen Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen anbieten.
Wie können wir uns solidarisieren? Was sind deine Ideen, um etwas verändern zu können?

Anna: Ich sehe hier ganz klar die Regierung bzw. unsere PolitikerInnen in der Pflicht, endlich etwas zu ändern. Das momentan bestehende Gesetz ist veraltet und frauenfeindlich und muss abgeschafft werden. Deutschland sieht sich immer als fortschrittliche, moderne Nation, hinkt aber (nicht nur in diesem Bereich) in Wahrheit vielen anderen Ländern weit hinterher.
Ich finde es sehr gut, dass das Thema im Moment so stark in den sozialen Medien vertreten ist, es wird immer wieder darauf aufmerksam gemacht, informiert, demonstriert. Das kann jede/r von uns unterstützen, indem man sich an den Diskussionen beteiligt oder sie teilt. Wenn das Thema Schwangerschaftsabbrüche immer wieder öffentlich diskutiert wird, verliert es vielleicht irgendwann seinen Stempel als „Tabu-Thema“ und es findet ein allgemeines Umdenken statt, was langfristig auch zu einer Änderung der Gesetze führen könnte. Zumindest hoffe ich das sehr. Die ÄrztInnen wie Kristina Hänel haben meinen vollsten Respekt, für das, was sie tun.

“I read the news today
And everything they say
Just makes me want to stay inside and wait
But the better part of me knows
That waiting in the throws
Is on a par with reading while my eyes are closed”

Zitat aus dem Lied “Agoraphobia” von Incubus

 

Was sind eure Gedanken zum Thema?

Mehr Informationen und Beratungsangebote, findet ihr in der Linkliste: